
Eine Malerei mit einem, hundert oder mehr Titeln.
Multibilder (What I mean – what you see), 2010–2011
Diplomarbeit an der Universität für angewandte Kunst Wien, Transmediale Kunst
Malerei und Texte zu Bild und Zeichen
Betreut von Univ.-Prof. Mag.art. Brigitte Kowanz und Univ.-Prof. Dr.phil. Ferdinand Schmatz
«Du meinst, du siehst. Ich meine, was ich zeige, sei, was ich glaube zu wissen, was du meinst?»
Ein Bild hat keinen festen Sinn. Wer es betrachtet, bringt eigene Erfahrungen mit und sucht darin nach etwas Bekanntem, einem Ur-Objekt, das sich auf die Malerei abbilden lässt. Das ursprüngliche Objekt wird durch das Bild zum Abbild im Subjekt: Es wird Imagination.
Die Multibilder machen diesen Vorgang zum Werk. Die Malereien sind abstrakt und tragen keinen Titel des Künstlers. Stattdessen sind die Betrachtenden eingeladen, selbst einen Titel zu finden. Beim Erwerb wird ein Titel in einem Initiationsritus zwischen Käufer und Künstler festgelegt. So trägt jedes Bild potenziell viele Namen, etwa #einnichts, #menelausbirgtdasschwertvonpythagoras, #mensch, #dietomatenmaschine, #kommtzeitkommtrat, #spaziergangimpark.
Die Hashtag-Titel von 2011 nahmen vorweg, was heute in den sozialen Medien alltäglich ist: Bedeutung entsteht kollektiv, durch viele Stimmen, nicht durch eine.
Multibilder II, seit 2026
Fünfzehn Jahre später wird das Konzept weitergeführt und präzisiert. Kunst kommt nicht nur von Können, sondern auch von Kennen. Das althochdeutsche «kunnan» bedeutete wissen und verstehen. Malerei ist in diesem Sinn ein kollektives Wissensfeld, und die Titel sind die Spuren dieses Wissens.
Die Namensgebung an der Schreibmaschine
Neben jedem Bild steht eine Schreibmaschine mit Durchschlagpapier. Wer einen Titel für das Bild gefunden hat, tippt ihn ein. Jeder Anschlag ist endgültig. Das Original wird gefaltet und in einen verschlossenen Kasten gegeben, sodass niemand die Titel der anderen liest. Der Durchschlag bleibt bei der Person, als nummerierter Taufschein.
Variante: das Flüstern
Ist der Künstler anwesend, kann der Titel ihm auch ins Ohr geflüstert werden. Er notiert ihn, und die Person erhält ihren Taufschein von Hand.
Die Rückseite
Alle Titel werden mit Datum und Namenstoken-Nummer in Ölfarbe auf die Rückseite der Leinwand übertragen. Mit jeder Namensgebung wächst dort ein verborgenes Archiv, ein Palimpsest der Bedeutungen. Die Namen der Titelgebenden stehen nicht auf dem Bild, sondern nur im digitalen Archiv.
Untitled bis zum Kauf
Solange ein Bild nicht verkauft ist, bleibt es «Untitled» und gehört gewissermassen allen, die es getauft haben. Wer ein Bild erwirbt, wählt seinen endgültigen Titel aus dem Archiv.
Der Token-Schein
Die Person, deren Titel gewählt wird, erhält einen Anteil am Verkaufspreis. Damit wird sichtbar und bezahlt, wer an der Bedeutung eines Bildes mitarbeitet. In einer Zeit, in der KI-Systeme das Wissen vieler einsammeln und wenige daran verdienen, dreht Multibilder II diese Logik um. Dass Taufscheine dabei zum Gegenstand von Spekulation werden können, ist Teil des Werks.
Die Malerei
Die Serie besteht aus grossformatigen, abstrakten Ölbildern ab 140 × 170 cm, fortlaufend nummeriert: Untitled 1, Untitled 2 und so weiter. Am Anfang steht immer das Malen selbst, das Mischen der Farben, der Geruch der Ölfarbe, das Verschwinden im Prozess. Das Publikum kommt danach, und mit ihm die Namen.

Diplomausstellung
Mezzanin, Raum Zg24, Expositur
Vordere Zollamtsstrasse 3, 1030 Wien,
24.–30. Juni 2011, Mo–Fr 12 – 20 Uhr, Sa/So 14–18 Uhr
Eröffnung: 22. Juni, 19 Uhr

Ausstellugsansicht, Mezzanin, Raum Zg24, Expositur
Vordere Zollamtsstrasse 3, 1030 Wien
(Das Ursprüngliche Objekt wird durch das Bild zum Abbild im Subjekt und ist die Imagination.)







O.T.
(What I mean, what you see) Multibilder
2010/2011, Tempera, Oil, Canvas, 100 x 80 cm, Vienna





Impressionen:
Ausstellungsansicht und performativer Akt „Motivate Artists To Paint“
an der Vordere Zollamtstrasse, 1030 Wien
Zum Titel: What I mean – what you see
Zwischen dem, was ein Künstler meint, und dem, was ein Betrachter sieht, liegt immer ein Abstand. Die meisten Kunstwerke versuchen, ihn mit einem Titel zu schliessen. Die Multibilder lassen ihn bewusst offen und machen ihn zum eigentlichen Ort der Arbeit.
Der Titel ist dabei kein Etikett, sondern eine Antwort. Wer ein Bild benennt, verrät, was er darin erkennt, und damit auch etwas über sich selbst. Jeder neue Titel verschiebt das Bild ein wenig, ohne es festzulegen. So entsteht kein einzelner Sinn, sondern ein wachsendes Feld von Lesarten, das dem Bild eingeschrieben bleibt.
«What I mean – what you see» beschreibt also kein Missverständnis, sondern eine Zusammenarbeit. Der Künstler liefert die Malerei, das Publikum die Namen. Erst beides zusammen ergibt das Werk.
